„Glaube was du siehst...“

 

Das ist eine mehrdeutige und auch verwirrende Aufforderung. Aber auf jeden Fall eine Aufforderung an die Betrachter. Sie werden mit diesen vier Worten neugierig gemacht, in die Ausstellung hineingesogen und zugleich auf sich selbst zurückgeworfen.

 

Hineingezogen wird man, weil die Besucher/innen direkt angesprochen werden. Nicht die Ausstellungsobjekte stehen im Vordergrund sondern die Betrachter. Sie wissen noch gar nicht, was auf sie zukommt, sollen aber schon mal die Bereitschaft entwickeln, an das glauben, was sie zu sehen bekommen.

 

Diese Aufforderung ist merkwürdig, weil man im Gegenzug antworten könnte, ja an was sonst sollten wir denn sonst glauben, als an die Dinge die wir mit eigenen Augen wahrnehmen. Aber ein Theologe würde vermutlich sogar widersprechen und sagen: Geht bitte nicht so leichtfertig mit dem Wort „Glauben“ um. Dies ist ein ernstes Wort. Es ist für das reserviert, was jenseits der unmittelbar sinnlichen Wahrnehmung liegt. Etwas, das  höherwertiger ist, als das Profane, das wir mit unseren Augen sehen.

 

Als Psychologe schließe ich mich hier den Worten des Theologen an, verteidige aber gleichzeitig die Aufforderung: Glaube, was Du siehst...! Denn auch hier geht es um Höherwertiges, nicht um das unmittelbar Sichtbare. Es geht um Kunst, also um etwas, das wir nicht einfach wahrnehmen, sondern das uns berührt - wenn wir uns der Berührung öffnen.

 

Auch wenn es schwer fällt präzise zu definieren, was mit Berührung gemeint ist, so ist aber doch einsichtig, das hiermit nicht nur der Lichtreiz gemeint sein kann, der in unser Auge fällt, sondern ein Angefasst werden, dass unsere Sinne, Gefühle und Stimmungen erreicht, uns in unsere eigene Phantasiewelt, unsere Deutungen und Sichtweisen, kurz gesagt, uns in unser eigenes Ich hineinführt. Erst dort entdecken wir, was wir hier sehen.

 

Und das Faszinierende dieser Ausstellung ist, dass genau dieser tiefergreifende Prozess mit Fotos erreicht wird, also mit einem Produkt, das schon allein deswegen geachtet wurde, weil es als objektiv galt, weil es die Dinge so zeigte wie sie sind, also wahrheitsgemäß. Fotos galten als beweisfähige Dokumente.

 

Zumindest glaubte man daran. Aber zwei Gruppen von Menschen waren nicht so naiv an das Sichtbare zu glauben. Künstler und Kriminelle. Die kriminellen Täuscher - oft Diktatoren -  tischten dem Volk eine Lüge als Wahrheit auf. Sie manipulierten zahlreiche Fotos. Sie missbrauchen den Glauben an die Wahrhaftigkeit des unmittelbar Sichtbaren.

 

Ganz anders die Künstler. Sie wollen die Lüge nicht als Wahrheit verkaufen, sondern der unmittelbar sichtbaren Wahrheit, weitere Wahrheiten hinzufügen, nämlich solche die nicht offenkundig sind, aber aufgedeckt und gesehen werden wollen. Ihre Aufforderung lautet daher: schau genau hin, erkenne mehr, als Du siehst.

 

Die Diktatoren machen die Welt enger und ärmer, die Künstler machen sie weiter und reicher.

 

Nun möchte ich Ihnen noch die sieben Künstlern und Künstlerinnen vorstellen.

 

1. Anja Kleemann-Jacks

Sie ist eine vielfältige Künstlerin; Malerin, Grafikerin und Fotografin und eine norddeutsche Frau mit großer Liebe zu allem, was mit Meer und Schiffen zusammenhängt. Sie liebt die Küsten und das weite Wasser. Sie war sofort begeistert, als sie von einem alten Schiffsfriedhof an der Südküste Englands erfuhr. Was für ein fantastischer Ort, muss sie gedacht haben, um Foto auf Foto zu machen und diese noch hier und da mit Farbe - meist weiß - zu akzentuieren.

 

Ihre Bilder sind Momente des Vergänglichen. Es sind Momentaufnahmen, zeigen aber die Zeit. Nicht  im Sinne von Geschwindigkeit, sondern von Vergänglichkeit. Der Morbide Charme der natürliche Zersetzung, Vermoderung, Verwesung und Verrottung.

Man spürt ihre Liebe zu diesen sterbenden Schiffen, die jetzt hilflos gestrandet dort liegen.

Sie hat ihre Bilder mit einer kleinen Erinnerung an diesen Friedhof versehen. So wie wir Menschen Blumen und Erde in ein Grab geben, hat sie kleine Holzstückchen an die sterbenden Schiffe geheftet.

 

2. Elke Mohr

Sie ist Malerin und Fotografin. Das zeigen auch ihre  Arbeiten. Sie haben etwas Malerisches. Fließende Farben, schimmernd, auftauchend und verschwindend um doch wiederzukehren. Dies vereint Ruhe mit Bewegung, Struktur mit  Farbigkeit, Vergängliches mit Zeitlosem und Kraftvolles mit Zartem. Da ist Ihre Vorliebe für das Motiv Wasser verständlich. Kaum ein anderes Motiv wäre wohl besser geeignet Bewegung, Flüchtigkeit, Rhythmen, Muster und eine überbordende Farbigkeit  auszudrücken - in dem sich die reizvolle Fülle des Lebens spiegelt.

Reizvoll ist dabei auch die Doppelung der Spiegelungen. Wir schauen in das Wasser und sehen das überirdische Licht, als Symbol der unendlichen Größe und Weite des Weltalls.

 

3. Jens Udo Mornhinweg

Ein Ausflug in die Surrealität, so könnte man meinen, aber es sind ganz reale Traumbilder. Die Träume sind wirklich, aber nur ansatzweise realisierbar. Mit dem Gleitschirm über die Stadt der Liebe - über Paris - zu schweben und dabei in die Augen der Liebsten zu schauen ist ebenso verlockend wie illusorisch. Er ist nicht nur Fotograph, Maler und Bildhauer, sondern auch Taucher und Flieger - vielleicht erklärt dies auch seine Vorliebe für das wiederkehrende Farbspiel von Blau und Grün, das seinen Bildern etwas Geheimnisvolles  und Verführerisches verleiht. Auch die Verquickung von klaren Bildsegmenten mit nur zaghaft Angedeutetem und den wiederkehrenden Augen wirkt wie ein Versprechen, dessen Einlösung noch auf den Betrachter wartet.

 

4. Jürgen Forster

Bei Jürgen Forster spürt man bei jedem seiner Bilder: Er ist immer Grafiker, das heißt Gestalter von Linien, Mustern, Flächen, Kontrasten und Farben. Sie werden so arrangiert, dass sie mehr sind als Linien, Flächen und Muster, sondern eine neue, eine weitere, eine eigene Gestalt bilden.

Die Fotographie - so sagt er selbst - steht dabei nicht im Zentrum seiner Arbeiten, sondern ist Teil eines mehrstufigen künstlerischen Prozesses, an dessen Ende bildhafte Ideen durch Edeldruckverfahren in ihre endgültige Gestalt gebracht werden. Auch wenn Gegenständliches wie Zweige, Bambus oder Fasern Ausgangspunkt seiner Arbeiten sind, so geht es hier nicht um Naturfotographie, sondern um die akzentuierende Darstellung von Strukturen. So entstehen Bilder hoher Dichte und Tiefe auf denen das Auge ruhen und suchen kann.

 

5. Peter Krauß

Seine Bilder sind Augenblicke, gleichsam flüchtige Bildreize, als hätten sie nur wenige Millisekungen unser Auge berührt um jetzt in dieser schwebenden Flüchtigkeit vor uns zu stehen. Fotografie - so sagt Peter Krauß - ist die Kunst des Augenblicks  und die Kunst den Augenblick zu erkennen und schnell genug zu sein, ihn festzuhalten.

Die Bildbearbeitung bietet ihm die Chance den gefrorenen Augenblick wieder aufzutauen, zu verflüssigen, neu zu mischen um ihn wieder einzufrieren. Auch seine Bilder haben etwas Malerisches in den zarten Farbmischungen, die die Bildstrukturen auflösen aber auch zu neuen Einheiten verbinden. Die starre Technik eines alten Fahrrades beginnt zu leben, der Rost erstrahlt und zeigt sich keck. Wuchtige Zahnräder schweben schwerelos im Raum.

Und in diesen einfachen Rädern wird selbst noch in der Hässlichkeit  des verrotteten Metalls die Genialität der technischen Konstruktion sichtbar.

 

6. Uschi Sträter

Sie ist - wenn man das so sagen darf - durch und durch Fotographin und Fotokünstlerin. Das dominante Element ihrer Arbeiten ist die Farbigkeit. Sie hat einen Blick für die oft übersehenen, mitunter kaum sichtbaren Schönheiten der Natur. Oft greift sie Details heraus und akzentuiert ihre Farbigkeit, fast bis ins Grelle hinein.

In dieser Ausstellung hat sie sich einem kaum beachteten, oft sogar miss- oder gar verachteten Tier gewidmet, dem Käfer. Käfer über Käfer. Ihre Anregungen hat sie sich aus dem naturkundlichen Museum König in Bonn geholt. Unzählige Käfer sind dort auf Nadeln gespießt und in kleinen Schubladen mit Guckfenster ausgestellt. Sie hat die Tierchen behutsam aus ihrem Gefängnis geholt, fotographiert und dann diese Bilder digital weiter bearbeitet und so den Millionen von Käfern auf unserer Erde einige weitere hinzugefügt. Und vielleicht gibt es sie sogar. Uschi Sträter hat den Titel der Ausstellung in eine Frage gefasst:

Glaubst Du was Du siehst oder siehst Du was Du glauben willst?

 

7. Wolfgang Winkel

Seine Bilder faszinieren durch die Motive und die kaum glaubwürdige Tatsache, dass die Fotographien die Wirklichkeit, so wie die Kamera sie eingefangen hatte, wiedergibt. Nichts an seinen Arbeiten ist nachträglich durch Photoshop oder andere raffinierte Computerbearbeitungsprogramme modifiziert worden. Es ist sein Blick auf die Welt, sein Geschick Unglaubliches zu sehen und mit der Kamera festzuhalten. Jedes seiner Bilder erzählt eine eigene Geschichte, die man wahrnehmen kann,  wenn man sich ein wenig Zeit nimmt und sich öffnet und einfangen lässt von dieser merkwürdigen Wirklichkeit.

Da ist diese Christus-Figur auf der alten Ziegelsteinmauer neben dem grünen Regenrohr, das schräg zum Himmel ragt. Man ist versucht zu sagen, mein Gott, was haben Sie Dir angetan, Dich hier aufzuhängen. Dann dieser ausgeweidete Tierkörper in dieser Metzgerei irgendwo im Niemandsland, so gruselig, dass selbst der Metzger unter dem Tisch Schutz sucht. Wie komisch und seltsam ist doch unsere Welt, wenn man genau hinschaut, so wie Wolfgang Winkel.

 

Ich danke Ihnen für ihr geduldiges Zuhören und den Künstlern für diese großartige Präsentation, in dieser Halle, in der noch die Arbeit zu spüren ist, die hier früher geleistet wurde. Und insofern ist diese Verknüpfung von künstlerischer und industrieller Arbeit auch ein Beleg dafür, das Arbeit eine ebenso elementare wie schöpferische Tätigkeit des Menschen ist.

 

Bitte genießen Sie die Ausstellung und sprechen Sie mit den Künstlerinnen und Künstlern,

die - das sei noch hinzugefügt - ihre Werke auch verkaufen.

 

prof. dr. gerd wiendieck

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